Die österreichische Fluggeschichte
Wiener Neustadt ist die Wiege der österreichischen Luftfahrt. Hier wurden 1909 die ersten Hangars errichtet, hier hob die berühmte Etrich-Taube zum Erstflug ab, hier entstanden Flugzeuge, Motoren und Innovationen, die weit über Österreich hinaus Bedeutung erlangten. Ob Ferdinand Porsches erster Flugmotor, die Konstruktionen von Warchalowski oder die Serienproduktion der Messerschmitt Bf 109 – die Stadt war ein Brennpunkt von Technik, Mut und Pioniergeist.
Das Aviaticum erzählt diese bewegte Geschichte – und macht sie lebendig. Gegründet 1999, genau 90 Jahre nach der Errichtung der ersten Werkstätten am Flugplatz Ost, entstand ein Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart der Luftfahrt aufeinandertreffen. Möglich wurde dies durch den Einsatz von Persönlichkeiten wie Toni Kahlbacher, selbst Pionier und Weltrekordflieger, und durch die enge Zusammenarbeit zwischen Stadt, Land und engagierten Partnern.
Im Museum sind nicht nur historische Flugzeuge, Motoren und Uniformen zu sehen, sondern auch einzigartige Restaurierungen und Raritäten, die weltweit Seltenheitswert haben. Sie erzählen von Rekorden, von Technik, die ihrer Zeit voraus war, und von Menschen, die sich dem Traum vom Fliegen verschrieben haben.
Doch die Geschichte endet nicht im Museum: Direkt nebenan entwickeln moderne Unternehmen wie Diamond Aircraft neue Flugzeuge, Sportflieger und Rettungshubschrauber starten täglich vom Flugfeld, und zahlreiche Flugsportvereine halten die Begeisterung für die Luftfahrt lebendig. Wiener Neustadt ist damit auch heute noch ein Zentrum des Fliegens in Österreich.
Das Aviaticum schlägt die Brücke zwischen gestern und heute: Von den ersten Flugpionieren bis zur Hightech-Luftfahrt. Wer das Museum besucht, spürt die Faszination, die Menschen seit über 100 Jahren antreibt – die Sehnsucht, die Welt aus der Vogelperspektive zu erleben.
Die Etrich-Taube – Anfang einer neuen Ära
Hier, auf dem ersten Flugfeld der Monarchie, hob 1909 die Etrich-Taube zum ersten Mal ab. Im Herbst 1909 schrieb sie Geschichte: Sie war das allererste Militärflugzeug der k.u.k. Monarchie – robust gebaut, damit sie sogar auf frisch gepflügten Äckern landen konnte. Ihre Form war nach dem Vorbild eines Flugsamens gestaltet, wodurch sie eigenstabil in der Luft schwebte: Sie flog geradeaus, ohne dass der Pilot ständig eingreifen musste. Eine Revolution für die damalige Zeit.
Entwickelt von Igo Etrich, war die Taube das erste Flugzeug mit offizieller Bezeichnung – der Beginn einer ganzen Generation. Schon die frühen Modelle zeigten, wie eng Technik und Natur verbunden sein können. Doch so romantisch der Name klingt, die Realität des Militärs war hart: Bomben wurden von den Piloten noch händisch aus dem Cockpit geworfen.
Die Militärtaube Typ F, wie sie im Aviaticum zu sehen ist, gilt noch heute theoretisch als flugfähig – und ist bis heute zugelassen. Ein Stück lebendige Geschichte, das den Aufbruch in die Luftfahrt spüren lässt und die Pionierzeit der Fliegerei eindrucksvoll erlebbar macht. Weil sie nicht einfach da ist – sondern genau dort, wo Österreichs Luftfahrt begann. Die Etrich-Taube im Aviaticum verbindet historisches Gelände, frühe Flugversuche und lebendige Museumsarbeit zu einem emotionalen Erlebnis, das Herz und Erinnerung berührt.
Der Pischof Autoplan – wenn Auto auf Flugzeug trifft
Im Frühling 1910 wagte Alfred Ritter von Pischof ein außergewöhnliches Experiment: Er baute den Autoplan – ein Flugzeug, das auf der Basis eines Austro-Daimler-Motors entstand. Weil die ersten Flugmotoren noch unzuverlässig waren, griff er kurzerhand auf einen Automotor zurück – sogar die Kupplung blieb erhalten.
Tatsächlich flog die Maschine und sorgte damit für Schlagzeilen. Jeder geglückte Start war ein kleines Wunder, jeder Flug eine Sensation, die es in die Zeitungen schaffte. Kaiser Franz Josef sah den Autoplan persönlich, nahm die Entwicklung aber noch nicht ernst – zu wichtig waren damals Eisenbahn und Züge.
Der Autoplan war mehr als ein technisches Kuriosum: Er zeigte, wie viel Pioniergeist, Mut und Improvisation in den Anfängen der Luftfahrt steckten. Man nahm, was verfügbar war – ob Auto- oder Flugzeugteile – und landete, wo Platz war: auf Äckern, Wiesen oder improvisierten Flugfeldern, oft mit Kufen statt Rädern.
Besonders bemerkenswert: Der Autoplan bot bereits Platz für zwei Personen – eine kleine Revolution, denn bis dahin waren die meisten Flugmaschinen Einsitzer. Später kam die militärische Nutzung: Erste Fliegerpfeile und Handgranaten wurden aus der Luft abgeworfen.
Heute ist der Pischof Autoplan ein faszinierendes Zeugnis dafür, wie die Luftfahrt in Österreich begann – und wie aus der Verschmelzung von Automobil und Flugzeug ein Stück Technikgeschichte entstand.
Dem Himmel so nah – die Rekorde von Josef Starkbaum
1989 schrieb der österreichische Ballonpionier Josef Starkbaum Luftfahrtgeschichte: Mit einer Höhe von 15.011 Metern stellte er einen Weltrekord auf, der bis heute ungebrochen ist. Dieser außergewöhnliche Moment der Fliegerei ist im Aviaticum hautnah zu erleben – der originale Ballonkorb mit Brenner steht im Museum und macht die Rekordfahrt greifbar.
Doch Starkbaum erreichte nicht nur in der Höhe Spitzenleistungen: Beim traditionsreichen Coup Gordon-Bennett, dem härtesten und renommiertesten Langstrecken-Wettbewerb der Ballonfahrer, gewann er die begehrte Trophäe gleich dreimal – als erster überhaupt.
Diese Erfolge machten Josef Starkbaum zu einer Legende des Ballonsports. Im Aviaticum können BesucherInnen seine Spuren entdecken und die Faszination spüren, die ihn antrieb: Die Sehnsucht, Grenzen zu überwinden und dem Himmel immer ein Stück näher zu kommen.
Lebendige Technik – Motoren, die Geschichte erzählen
Im Aviaticum sind Flugmotoren nicht bloß Ausstellungsstücke – sie wirken wie zum Start bereit. Viele wurden in jahrelanger Arbeit vorbildlich restauriert: Mit allen Leitungen, Zündkerzen und beweglichen Teilen. Dreht man an ihnen, läuft alles mit – so entsteht der Eindruck, als stünde man vor einem eingebauten, funktionstüchtigen Motor.
Besonders beeindruckend ist der Doppelmotor DB 610, das erste serienmäßig gebaute Düsenantrieb seiner Zeit. Zwei Motoren, die in einer Messerschmitt Bf 109 eingesetzt waren – im Flug konnte man sie sogar einzeln zu- oder abschalten, falls ein Triebwerk ausfiel. Solche Modelle sind weltweit kaum zu finden – im Aviaticum aber stehen sie direkt vor den Augen der BesucherInnen.
Die Messerschmitt Me 109 – eine Legende aus Wiener Neustadt
Zwischen 1938 und 1945 wurden in den Wr. Neustädter Flugzeugwerken rund ein Drittel aller Messerschmitt Me 109 gebaut – eines der meistgefertigten Jagdflugzeuge des 2. Weltkriegs. Damit ist die Geschichte dieses Flugzeuges eng mit der Stadt verbunden.
Im Aviaticum steht heute eine Me 109 G-6, die letzte Entwicklungsstufe dieses Typs. Sie wurde aus mehreren Originalmaschinen rekonstruiert – mit Teilen, die weltweit zusammengetragen wurden.
Das Ergebnis ist einzigartig: Eine Maschine, die zu 100 % aus Originalteilen besteht, inklusive der originalen Funkgeräte. Diese Authentizität ist weltweit extrem selten – und macht die Me 109 im Aviaticum zu einer der schönsten noch existierenden Maschinen ihres Typs.
Hinter dieser Rarität steckt die lebenslange Leidenschaft von Ing. Kurt Steiner, der über 40 Jahre hinweg Teile sammelte und restaurierte. Dank seines unermüdlichen Einsatzes können BesucherInnen heute eine der beeindruckendsten Me 109 überhaupt bestaunen – ein Stück Luftfahrtgeschichte, das sonst verloren gegangen wäre. Nach dem 2. Weltkrieg wurden die meisten Messerschmitts zerstört oder verschrottet.
Nur wenige Exemplare haben überhaupt überlebt – umso wertvoller ist es, dieses Flugzeug heute im Originalzustand bestaunen zu können.